
Jede Jugendbewegung entsteht aus Unzufriedenheit mit den vorherrschenden Zuständen. Zu Beginn des 20. Jh. suchten junge Leute einen Ausweg aus den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft. Arbeiterjugendvereine, die Pfadfinderbewegung, konfessionelle Jugendgruppen und eben auch die Wandervogelbewegung entwickelten sich in dieser Zeit.
Der ÖSTERREICHISCHE WANDERVOGEL (ÖWV) wurde vom Prager Studenten Hans Mautschka (1888-1914) nach dem Vorbild des deutschen Wandervogels, der schon 10 Jahre zuvor in Berlin-Steglitz gegründet worden war, ins Leben gerufen. Die Bewegung wurde zuerst inoffiziell 1909 in Böhmen und dann zu Pfingsten 1911 als ,,ÖWV, Bund für deutsches Jugendwandern'', offiziell in Wien gegründet. Die Grundidee bei der Entstehung der Wandervogelbewegung war schon das Wandern an sich, aber daneben waren Fahrt, Gemeinschaft, Singen, Naturverbundenheit, Tanz und Abstinenz genauso prägende Merkmale. Die Beschäftigung mit Themen wie Politik, Pädagogik oder der Schaffung einer Wandervogel-Kultur wurde abgelehnt, damit sich die eigene Meinung und der Charakter der Jugendlichen ohne Vorurteile entwickeln konnte.
Zu dieser Zeit war der ÖWV geprägt durch ein reges
Interesse an Fragen wie Volkskunde und Volkstumspflege. Das
Bundeszeichen wurde der silberne Greif auf blauem Grund und ist es bis
heute.
Von 11. - 13. Oktober 1913 fand das große Jugendtreffen am Hohen Meißner (Berg in Hessen) statt, bei dem etwa 4000 Jugendbewegte verschiedener Bünde über Grundsätze und Ziele der deutschen Jugendbewegung diskutierten. Auch der ÖWV war vertreten. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie bereits 63 Jugendgruppen. Bei diesem Treffen wurde die Meißner Formel beschlossen, die von zeitloser Gültigkeit ist. Sie ist bis heute unser Grundsatz.
Meißner Formel
Kurz nach der Gründung des ÖWV unterbrach der erste Weltkrieg den Aufschwung des Bundes. Da viele der jungen Männer in den ersten Kriegsjahren fielen, übernahmen Mädchen wesentliche Arbeiten und Aufgaben im Bund und gewannen so auch an Bedeutung.
Nach dem Ersten Weltkrieg (und somit dem Zerfall der Monarchie) stand der ÖWV vor völlig veränderten Verhältnissen. Die Gruppen mussten sich erst wieder zusammen finden, doch dank einiger Aktiver lebte der Bund bald wieder. Im Jahr 1929 bestand der Bund aus 33 Buben- und 22 Mädelgruppen - das war mit insgesamt etwa 400 Mitgliedern der Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit.

Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde jedoch der Wandervogel dort aufgelöst und verboten. Selbiges passierte in Österreich am 12. März 1938.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Wiedergründung des Wandervogels nur langsam und unter großen Schwierigkeiten. In den Bundesländern wurde das fast überall durch die Älteren gemacht, ganz im Gegensatz zu Wien, wo bereits fertige Jugendgruppen in den Jungen Bund eintraten. Eindrucksvoll beschreibt ein Bericht von Heli Amanshauser die Wiedergründung in Salzburg.

... Sie forderten mich auf, auch in Salzburg wieder anzufangen. Ich war krank, seelisch gebrochen, halb verhungert und wollte meine Ruhe haben. Vor allem hatte ich keine Lust, einen Veteranenverein der Jugendbewegung zu gründen. Nachdem ich einige Jahre gedrängt worden war, beschloß ich, eine Versammlung so schwer zugänglich anzusetzen, daß niemand kommt. Ich berief also die Versammlung in der zweiten Rositte am Untersberg ein.Ich war überzeugt, daß ich allein den Berg besteigen würde. Ich war höchst überrascht und ehrlich gestanden auch erschüttert, als ich oben ungefähr 40 alte Freunde aus dem Wandervogel traf, und mit ihnen vielleicht 50 Kinder mitgekommen waren. Ich rief diese große Schar nicht zu einer Neugründung auf. Ich stellte nur die Frage, was sie denn vom Wandervogel wollten. Getrennt sprach ich zuerst mit den Eltern, dann mit den Kindern. Die Eltern sagten: ,,Wir wollen unseren Kindern eine freie und unbeschwerte Jugend bauen.'' Die Kinder sagten: ,,Wir wollen eine Jugendgemeinschaft, aber wir wollen weder in konfessionelle noch in politische Organisationen eintreten''. Das hat mich überzeugt...
Nach der Gründung auf der Erentrudisalm teilten wir die Gruppen, die vorerst von uns Älteren geführt werden sollten. Fritz Vogl, Valentin Kunnert, meine Frau Hermi und ich übernahmen Gruppen. Damit sobald wie möglich die Gruppen von der Jugend selbst geführt werden konnten, lud ich die Jugend zu einer Schulungswoche auf die Erentrudisalm.
Mit Unterstützung älterer Wandervögel bildeten sich wieder Jugendgruppen und bald wurde der bestimmende Leitsatz ,,Jugend soll von Jugend geführt werden''. 1953 war dies erreicht, der Junge Bund war geboren und schon im November 1953 erschien das erste Mitteilungsheft der Jungen; ,,Der Junge Bund'' ist bis heute Spiegelbild der Entwicklung im Jungen Bund.
In den Jahren nach 1953 entwickelte sich der Junge Bund zu dem Teil des ÖWV, der das Leben des Bundes hauptsächlich bestimmt.

Der Junge Bund blieb nicht nur parteipolitisch unabhängig, sondern auch bewusst überkonfessionell.
1967 wurde der Junge Bund Mitglied der Nachfolgeorganisation der Meißnerbünde, des Ringes junger Bünde.
Zum Abschluß dieser äußerst kurzen Zusammenfassung der Geschichte und Entwicklung des Österreichischen Wandervogels wollen wir (auf der Homepage) für Interessierte noch eine Literaturliste anführen. Bücher und Dokumentationen, durch die man sicher ein genaueres Bild von dem ständig in Wandel stehenden Bundes, seinen Strömungen, Einflüssen, Spaltungen, Zielsetzungen und Richtungsänderungen bekommt. Eines ist hoffentlich klar geworden: Der ÖWV hat in seiner Entwicklung schon viele Änderungen mitgemacht und solange er lebt, wird er sich weiter verändern. Und der Bund lebt!
Das zeigt z.B. die kürzliche Gründung des Neuen Familienkreises.
Weiters sei bemerkt, daß es kaum einmal einen außenstehenden Beobachter des Ganzen gab - Zeugnisse sind die persönlichen Berichte von Involvierten. Eine objektive Beschreibung ist also kaum möglich. Und nicht zuletzt ist es ja eine signifikante Eigenschaft der Jugendbewegung: dass sie unbeschreiblich ist!!
ZIEMER, Gerhard/WOLF, Hans (Hrsg.): Wandervogel und Freideutsche Jugend, Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg, 1961
Festschrift, 50 Jahre Österreichischer Wandervogel, 1911-1961, o.O.o.J.
KUNNERT, Valentin [Red.] Eigenverlag der Ortsgruppe Salzburg d. Österr. Wandervogels , 1963
MEICHE, Heimo: Hausarbeit aus Pädagogik, Geschichte und Entwicklung des Österreichischen Wandervogels, Paris Lodron Universität Salzburg, 1978
Der ÖWV ist sich in seiner kritischen Geschichtsbetrachtung durchaus bewusst, dass die in den Gründerjahren 1913 bis 1938 und vereinzelt noch in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg in Gruppen aufgewachsenen Wandervögel deutschnationalen und volkstumsorientierten Idealen und Themen – wenn auch mit sehr unterschiedlicher Intensität und Ausformung – gefolgt sind und auch viele Mitglieder nach der Auflösung des ÖWV 1938 in NS-Organisationen tätig waren, einige jedoch auch im Widerstand.
Diese Ideale und Themen sind jedoch aus der Jugend des ÖWV ab der Wiedergründung nach dem 2. Weltkrieg nach und nach verschwunden. Von älteren Wandervögeln aus der Vorkriegsgeneration wurden diese Themen zwar in Publikationen noch aufgegriffen und ausgetauscht, fanden in der ÖWV-Jugend jedoch kaum noch Interesse, sondern stießen dann insbesondere unter dem Einfluss der 1968-er Bewegung zunehmend auf heftige Ablehnung und waren immer wieder Anlass kritischer Auseinandersetzung mit der der Vorgängergeneration und der eigenen Geschichte. Aufgrund dieser Entwicklungen und dem Ableben der Vorkriegsgeneration sind deutschnationale Ideale im heutigen ÖWV als Verein und Bewegung nicht mehr präsent und allenfalls im Zuge der historischen Aufarbeitung oder der kritischen Auseinandersetzung mit derartigen Strömungen in der heutigen Gesellschaft ein Diskussionsthema.
Der ÖWV steht heute offen für alle Menschen unabhängig von ethnischer Herkunft, religiösen und politischen Weltanschauungen, sofern diese auf demokratischen Grundwerten aufbauen, und ist aufgeschlossen für alle kulturellen Bewegungen, soweit sie mit der Würde des Menschen und der Gleichberechtigung der Völker und Geschlechter vereinbar sind. Die in den Satzungen des ÖWV verankerte Förderung aller Formen der Volkskultur beschränkt sich nicht auf die bloße Bewahrung der eigenen Tradition, sondern umfasst auch den Respekt gegenüber kulturellen Traditionen anderer Nationen. Die Auslandsfahrten der Jugendgruppen führen daher abseits von touristischen Zentren nicht nur in die Natur des Gastlandes, sondern auch zur Begegnung mit den Menschen und ihrer Kultur.
Dementsprechend finden sich als Spiegel dieser Vielfalt in den Liederheften und im Liederbuch der Wandervogeljugend neben den romantischen und aufmüpfigen Liedern der Jugendbewegung auch Lieder aus dem Konzentrationslager, dem Widerstand und den kritischen Liedermachern der 68-er Generation, neben österreichischen Volksliedern ebenso jiddische, slawische, griechische, englische und anderssprachige Lieder vom Mittelalter bis zu Gospel und Pop.
Mit diesem Verständnis versuchen wir die für uns nach wie vor zentrale und gültige Aussage der oben erwähnten Meißner-Formel der bündischen Jugendbewegung zu leben.
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Letzte Änderung: 10. 3. 2011