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Der ÖWV nach 1945

Zwei Zeitzeugen bericht sollen einen Einblick in die Situation nach 1945 geben:

Seidelmann, Roswitha: Wir waren ausschließlich Mädchen aus Wandervogelfamilien, die einander bei verschiedenen Treffen der Älteren Anfang der 50er Jahre kennenlernten und in dem Alter waren, in dem man Gemeinsamkeit mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten sucht.

Eines unserer Hauptprobleme bei der Entscheidung, nach dem Kriegsende eine Wandervogelgruppe zu bilden, war folgendes: Wir liebten unsere Eltern, wir bewunderten sie, mit welcher Tüchtigkeit, Aufopferung, Erfindungsgabe und mit welchem Mut sie ihre Familien durch die Nach-kriegszeit gebracht hatten – und wir wußten auf der anderen Seite, daß sie zum großen Teil eine Ideologie unter-stützt hatten, in deren Namen schwerste Verbrechen begangen wor-den waren. Mehr ...

Amanshauser, Helmut: ... Sie forderten mich auf, auch in Salzburg wieder anzufangen. Ich war krank, seelisch gebrochen, halb verhungert und wollte meine Ruhe haben. Vor allem hatte ich keine Lust, einen Veteranenverein der Jugendbewegung zu gründen. Nachdem ich einige Jahre gedrängt worden war, beschloß ich, eine Versammlung so schwer zugänglich anzusetzen, daß niemand kommt. Ich berief also die Versammlung in der zweiten Rositte am Untersberg ein.

Ich war überzeugt, daß ich allein den Berg besteigen würde. Ich war höchst überrascht und ehrlich gestanden auch erschüttert, als ich oben ungefähr 40 alte Freunde aus dem Wandervogel traf, und mit ihnen vielleicht 50 Kinder mitgekommen waren. Mehr ...

Seidelmann

Wir waren ausschließlich Mädchen aus Wandervogelfamilien, die einander bei verschiedenen Treffen der Älteren Anfang der 50er Jahre kennenlernten und in dem Alter waren, in dem man Gemeinsamkeit mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten sucht.

Eines unserer Hauptprobleme bei der Entscheidung, nach dem Kriegsende eine Wandervogelgruppe zu bilden, war folgendes: Wir liebten unsere Eltern, wir bewunderten sie, mit welcher Tüchtigkeit, Aufopferung, Erfindungsgabe und mit welchem Mut sie ihre Familien durch die Nach-kriegszeit gebracht hatten – und wir wußten auf der anderen Seite, daß sie zum großen Teil eine Ideologie unter-stützt hatten, in deren Namen schwerste Verbrechen begangen wor-den waren. Offene Aussprachen mit der Elterngeneration zu diesem Thema waren so knapp nach dem Zusammenbruch schwierig – schon ehrliche Fragen wurden als Beschuldigung empfunden. Ich glaube sagen zu können, daß der Großteil der „Alten“ sich selbst als mißbrauchte und getäuschte Idealisten erlebte. Es ist vermessen, will man heute darüber urteilen, wer damals etwas und wie viel vom tatsächlichen Geschehen wußte, ja wissen konnte. Jedenfalls gab es im Wandervogel-Bekan-ntenkreis sowohl Leute, die sich und ihre Familien 1945 aus Enttäuschung töteten, es gab unbelehrbare Nazis, es gab viele (wohl die meisten), die sich mit ihrer persönlichen Schuldfrage auseinandersetzten und es gab einige, die glücklich waren, weil sie endlich ohne Angst vor der Gestapo durch-schlafen konnten. Die Frage nach einer Kollektivschuld ist für mich zu komplex für eine klare Antwort, eine einfache Einteilung in „Täter“ und „Opfer“ gibt es nicht. Damals habe ich aber begriffen – und das gilt für mich heute noch: Jeder muß sich selbst verantworten, keiner ist „in seinem Gewissen durch die jeweilige öffentliche Moral entlastet“ (Zitat nach Fritz Wolfram 1991). Wir haben im Deutschland der 68er sehr deutlich erlebt, daß die, die die Nazi-Mitläufer am schärfsten verurteilten, selbst kritiklos politische und ideologische Phrasen nachplapperten und mit der Mao-Bibel auch nicht gerade das richtige Gebetbuch in der Hand hatten.

Andererseits lasse ich mich aber auch nicht in die rechte Ecke stellen, weil ich Volkstänze liebe und ich mich für die nordische Mythologie interessiere, und schon gar nicht, weil ich mich in der deutschen Kultur tief verwurzelt fühle.

Ein weiteres Problem war für uns, daß das, was früher zur Indentität eines Wandervogels gehörte, wie z.B. Wan-dern, Volkslieder-Singen, Volkstänze-Tanzen etc. bis zu einem gewissen Grad Allgemeingut geworden war und auch von anderen Gruppierungen gepflegt wurde, z.B. vom Alpenverein, von der Wiener Singgemeinschaft, bei den Pfadfindern und in vielen Pfarrjugendgruppen. Die Frage „Was kennzeichnet eigentlich einen Wander-vogel?“ war also durchaus brisant.

Ein wirklich neues Element war unser Bemühen um einen Zugang zur Religion. Hier erlebten wir von einem Großteil der „Alten“ Ablehnung, bestenfalls Neutralität, in jedem Fall weitgehend Unwissen. Allerdings war auch die Kirche der Nachkriegszeit eine andere geworden als die, gegen die die Jugendbewegung einst mit Recht opponiert hatte.

Für mich war es aber unerträglich Dome als bloße Kunstwerke, die Matthäuspassion als irgendein Musik-stück zu betrachten, ohne jeden reli-giösen Hintergrund. Es war für mich nicht stimmig und hatte etwas mit unserer angestrebten „inneren Wahr-haftigkeit“ zu tun, mich als Mitglied des christlichen Abendlandes zu betrachten und das „christlich“ weg-zulassen, ich empfand es als arge Verkürzung, Volkstumspflege zu be-treiben und einfach zu ignorieren, daß das gesamte echte Volkstum auf christlicher Tradition, auf dem christ-lichen Jahresablauf basiert. Wir tanz-ten den Kathreintanz und hatten keine Ahnung, warum er so heißt. Da fehlte mir eine wichtige Dimension der Weltsicht und ich suchte Kontakte mit dem „Bund Neuland“, einer Jugendbewegung mit religiösem Akzent, wo ich bis heute wirkende Anstöße bekam. Religion war nicht unser Gesprächs-thema im Wandervogel – aber es müs-sen andere ähnliche Wege gegangen sein, denn ich erinnere mich an Wandervogel-Treffen, bei denen der Sonnengesang des Franziskus auf-geführt wurde und an ein Lager mit einer Feldmesse, die Freunde vom „Bund Neuland“ mit uns feierten.

Zwei Dinge möchte ich nennen, die uns auch noch von den „Alten“ unterschieden – und weswegen es auch Diskussionen und Vorwürfe gab.

Erstens, daß wir uns bewußt nicht nach außen hin sichtbar (z.B. durch Klei-dung) von unserer Umwelt abhoben, und daß wir uns nicht als „Elite“ sehen wollten. Das wurde uns von manchen Älteren als Feigheit oder Schwäche ausgelegt. Das Elite-Denken ist für mich (wahrscheinlich auch durch die Nazizeit) belastet. Ich will „etwas Gutes“ sein, aber nicht unbedingt „etwas Besseres“. Trotzdem war es klar, daß wir uns z.B. bei Klassen-parties nicht betranken oder knutschten – das fiel auf, wurde respektiert oder bespöttelt, aber wir hatten genügend Selbstbewußtsein, dazu zu stehen.

Zweitens, daß wir die uns anvertrauten Jugendlichen – und später unsere Kinder – nicht unbedingt auf ein bestimmtes Wandervogel-Muster „prä-gen“ wollten. Wir waren bewußt toleranter gegen Andersdenkende und abweichende Ausdrucksformen (ich für meinen Teil bin es immer mehr geworden). Unsere Methode in der Gruppen-führung war es, nicht vorzuschreiben, was richtig ist, sondern sehr deutlich zu sagen, was man selbst für richtig hält und danach zu leben – und darüber hinaus auf die Jungen zu vertrauen. Ein fester eigener Standpunkt ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung für echte Toleranz.

Ein dritter Unterschied wurde von Herwig Wolfram schon erwähnt. Auch wir Mädchen sangen statt des alpen-ländischen Liedgutes lieber Kosaken-lieder und fuhren Autostop durch halb Europa, statt „zuerst die Heimat kennenzulernen“, wie uns viele „Alte“ empfahlen. Ihr seht also, daß wir durchaus eigene Wege und Abgrenzungen gegenüber der Elterngeneration suchten und Auseinandersetzungen mit ihr hatten. Revolutionäre waren wir nicht, einen totalen Bruch suchten und wollten wir nicht. Das mag ein Grund sein, warum wir in der Rückschau als Epigonen gelten. Ich kann damit gut leben.

Ich zähle nun einfach stichwortartig auf, welche Ideale – heute würde man sagen welches Wertesystem – wir von der älteren Generation übernommen haben. Wir mußten prüfen, was für und leere Worthülsen waren, mußten die überkommenen Begriffe mit unserer Gegenwart konfrontieren und mit Leben füllen.

Ich nenne: einfaches Leben, innere Wahrhaftigkeit, Verantwortung, Rein-heit, Abstinenz, Naturverbundenheit, Nationalbewußtsein, Heimatliebe, Volkstumspflege u.a..

Fast alle diese Begriffe waren irgendwie „nazibelastet“, aber, für unsere Situation überdacht und überprüft, stellten sie auch für uns bleibende Werte dar und erwiesen sich tragfähig für unser ganzes Leben.

Ja, für uns gaben diese Begriffe antworten auf Fragen, die es zur Gründerzeit des Wandervogels 1911 oder nach dem Ersten Weltkrieg in dieser Tragweite noch gar nicht gegeben hatte. Wir wurden mit Fragen konfrontiert, die damals ganz neu waren und sich bis heute zu sozialen und Umwelt-Problemen von globaler Bedeutung ausgewachsen haben.

Es ging um Einfachheit angesichts unseres eigenen steigenden Wohlstands gegenüber Hunger und Elend in der Dritten Welt; um Abstinenz angesichts von steigendem Alkoholismus, um Reinheit angesichts der Propagierung oberflächlicher sexueller Beziehungen. Naturverbundenheit war nicht mehr bloße Naturliebe und Wandern, sondern hieß auch, sich gegen die Vermarktung und Zerstörung der Natur einzusetzen. Bejahung der Familie hieß, sich auseinandersetzen mit Kinderfeindlichkeit, Abtreibung, Familienplanung, Berufstätigkeit der Mütter usw.. Nationalbewußtsein ist für die Deutschen auch 60 Jahre nach Kriegsende noch ein geradezu verfemtes Gebiet (Ausnahme Fußball!)- die Österreicher haben es da etwas leichter gehabt. Dabei ist gesundes nationales Selbstwertgefühl existen-ziell wichtig gerade um natonalis-tischen Extremismus zu vermeiden. Wir haben aus der Geschichte und unzähligen blutigen Auseinander-setzungen gelernt, daß die Bejahung von Volkstum und Heimat unteilbar ist und nicht an den Lebensrechten der anderen Völker und Minderheiten vorbeigehen darf. In einer Zeit, wo Millionen Menschen auf der Welt unschuldig ihr Land verlassen und als Flüchtlinge leben müssen, kann der Begriff Heimat keine leere Hülse sein für den, der sie noch besitzt.

Es gab im Wandervogel keine Patent-rezepte in Form einfacher Gebote, was man tun oder lassen soll, und wird auch nie welche geben. Aber es sollte keinen Wandervogel geben, dem diese Fragen gleichgültig sind. Er sollte sich bewegen (auch wenn er nicht mehr jung ist) und zwar im Sinne von „nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Ein Wandervogel sollte Ideale haben und diesen notfalls Opfer bringen; er soll mitreden und sich engagieren und an seinem jeweiligen Platz Verantwortung übernehmen. Er muß sich infor-mieren und bilden, um eine eigene Meinung zu haben, und diese auch nach außen vertreten.

Ich möchte schließen, indem ich eine bekannte Weisheitsgeschichte auf den Wandervogel anwende: der Wandervogel ist kein Kaufladen, in welchem man fertige Pflanzen kaufen kann – aber man erhält kostbares und wertvolles Saatgut. Es liegt an jedem Einzelnen, es zum Wachsen zu bringen.

Amanshauser

... Sie forderten mich auf, auch in Salzburg wieder anzufangen. Ich war krank, seelisch gebrochen, halb verhungert und wollte meine Ruhe haben. Vor allem hatte ich keine Lust, einen Veteranenverein der Jugendbewegung zu gründen. Nachdem ich einige Jahre gedrängt worden war, beschloß ich, eine Versammlung so schwer zugänglich anzusetzen, daß niemand kommt. Ich berief also die Versammlung in der zweiten Rositte am Untersberg ein.

Ich war überzeugt, daß ich allein den Berg besteigen würde. Ich war höchst überrascht und ehrlich gestanden auch erschüttert, als ich oben ungefähr 40 alte Freunde aus dem Wandervogel traf, und mit ihnen vielleicht 50 Kinder mitgekommen waren. Ich rief diese große Schar nicht zu einer Neugründung auf. Ich stellte nur die Frage, was sie denn vom Wandervogel wollten. Getrennt sprach ich zuerst mit den Eltern, dann mit den Kindern. Die Eltern sagten: ,,Wir wollen unseren Kindern eine freie und unbeschwerte Jugend bauen.'' Die Kinder sagten: ,,Wir wollen eine Jugendgemeinschaft, aber wir wollen weder in konfessionelle noch in politische Organisationen eintreten''. Das hat mich überzeugt...

Nach der Gründung auf der Erentrudisalm teilten wir die Gruppen, die vorerst von uns Älteren geführt werden sollten. Fritz Vogl, Valentin Kunnert, meine Frau Hermi und ich übernahmen Gruppen. Damit sobald wie möglich die Gruppen von der Jugend selbst geführt werden konnten, lud ich die Jugend zu einer Schulungswoche auf die Erentrudisalm.


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Letzte Änderung: 25. 5. 2008


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